Sibylle Duhm-Arnaudov

Interventionen

Intervention – zum Begriff

In der Kunst bezeichnet „Intervention“ eine künstlerische Aktion im öffentlichen Raum. Macht z. B. ein Künstler auf der Straße Musik oder spielt er eine Theaterszene, tritt er mit dem Fluidum des Raums und mit den ihn bevölkernden Menschen in Beziehung, erregt ihre Aufmerksamkeit; möglicherweise provoziert er Reaktionen seines Publikums, die sich im Denken oder Handeln des Reagierenden ereignen können. Es entsteht ein spezifisches Spannungsverhältnis zwischen dem künstlerisch Agierenden, dem Präsentierten und den (freiwilligen oder unfreiwilligen) Rezipienten.

Der Künstler wird die Intensität des Spannungsverhältnisses zu steuern versuchen: Ob er amüsiert oder provoziert, Zustimmung, Ablehnung, Nachdenken oder Aggression erzeugt, leise oder laut agiert, konventionell oder überraschend, ist ihm überlassen.

Dabei bleibt eine „Überraschungsgrauzone“; denn ob ein Publikum so reagiert, wie es der Künstler unterstellt, wenn er seine Intervention plant, ist nie sicher. Auch hier entsteht ein meist produktives Spannungsverhältnis zwischen der Interventionsabsicht des Künstlers und dem Effekt, den er tatsächlich erzielt.

2018 - 19: „Peenemünde Compassion - Vernichtender Fortschitt“

In Zusammenarbeit von japanischen und deutschen Künstlern entsteht eine Performance, die aus verschiedenen künstlerischen Perspektiven technischen Fortschritt und seine polarisierenden Folgen in den Fokus nimmt.

2015: Herrenhäuser-Supermärkte

Die Relikte einer feudalen Gesellschaft wurden als Bilder in die Sinnbilder einer neuerlichen Kolonisaton durch den Westen in die neu entstandenen Supermärkte in Vorpommern getragen und dort fortografiert.

2013: Kunst im Süden

In der Böblingerstraße in Stuttgart wurden exemplarisch für den Überlebenskampf der Menschen Gemälde von galizischen Horreos von Geschäft zu Geschäft, deren Betreiber aus 25 Nationen stammen, getragen und dort fotografiert.

2002: Jeder Engel ist schrecklich

Szenische Videoinstallation in verschiedenen Kirchen. Auf 50 Monitoren in den Kirchenbänken sind Filme mit je einer Stunde aus dem Leben eines Ditzinger Bürgers zu sehen. Die Zuschauer sitzen im Chor und blicken auf sich selbst. Engelsgestalten tanzen Hardrockkompositionen des Komponisten Martin Tanscek und zu Kompositionen von Steve Reich. Den literarischen Leitfaden bilden Duineser Elegien von Rilke, Texte von Juliane Müller, Döblin, Joseph Roth und Friederike Roth sind im Mittelgang und zwischen den Monitoren szenisch umgesetzt.

2000: Abschied vom 20. Jahrhundert

24Stündige szenische Videoinstallation mit filmischen Dokumentationen zum 20ten Jahrhundert auf 25 Monitoren. (Unter anderem zur Auswirkung des Kernkraftwerkes Neckarwestheim auf die Krebsstatistik in Walheim.)

1984: Apokalypse

Ausstellung und Installation mit Texten aus der Apokalypse in und auf den Gewächshäusern einer Gärtnerei in Walheim, neben der Lande- und Verladestelle für Atommüll aus Neckarwestheim.

1980: Folienskulpturen

Folienskulpturen über der Abwärme des Kernkraftwerks in Neckarwestheim. Aktion in der sich veränderten Flora des Abwasserbeckens am Neckar.

 

 

Herrenhäuser – Supermärkte

Konzeption und Fotografie
Sibylle Duhm-Arnaudov
Recherche und Fotografie
Peter Lauck

Projektbeschreibung

Herrenhäuser und Schlösser sind in Ostvorpommern häufige und typische Relikte der ehemals feudalen Strukturen, die hier bis 1945 herrschten.

Nach 1945 wird der Grundbesitz enteignet und die Gebäude werden zum größten Teil Nutzungen zugeführt, die der Allgemeinheit dienen. Der Wohnraum in Gutshäusern wird in kleine Wohneinheiten unterteilt. Es kommt zu Plünderungen, Entstellungen und Verkrüppelungen an den feudalen Bauwerken. Der kulturelle Wert der Bauwerke und ihrer Einrichtung geht häufig verloren.

Nach der Wende sind die kleinen Gemeinden überfordert, die erheblichen Mittel aufzubringen, um die Gebäude jeweils zu erhalten. Es entstehen Fördervereine und Ähnliches, um wenigsten den gröbsten Verfall zu stoppen.

Es gibt zunehmend Beispiele, in denen die Restaurierung glückt. Teilweise aus privaten Mitteln, wie beim Schloss Buggenhagen, das nach langer Leidensgeschichte von Dr. Till Richter liebevoll restauriert wurde und noch wird und als Museum für zeitgenössische Kunst wieder einen hochkarätigen kulturellen Akzent in dieser Gegend setzt, teilweise auch aus Spenden wie bei Schloss Stolpe. Schloss Stolpe dient zum Beispiel als musikalische Bildungsstätte und ist für die Öffentlichkeit zugänglich, die den Fortschritt der Renovation miterleben und unterstützen kann.

Diese Herren-, Gutshäuser und Schlösser sind zu Bildern geworden, die die vielfältige Brechungdurch die Geschichte verdichten und erfahrbar machen.Sie wurden konfrontiert mit den Repräsentanten unserer Gegenwart, den Supermärkten, die sich wie je ein Gürtel auch um die Städte Greifswald, Wolgast und Anklam legen. Sie wurden durch diese Supermärkte und Einkaufszentren getragen und dort fotografiert. In den Fotografien verbinden sich die verschiedenen Ebenen zu einem ästhetisch wahrnehmbaren Ganzen.

 

 




Ausstellung Schloss Stolpe 2016

Kunst im Süden

Konzeption und Malerei
Sibylle Duhm-Arnaudov
Fotografie und Mediengestaltung
Petra Hagelauer

Projektbeschreibung

Die Volksbank Heslach war für vier Wochen öffentliche Straßengalerie. Jeder Passant konnte in ihren Schaufenstern hinter die Schaufenster von Geschäften und Restaurants in der Böblinger Straße schauen.
Wir machen die Kraft der kulturellen Vielfalt in der Böblinger Straße durch diese Kunstintervention erlebbar.
Als künstlerischer Impuls dienen drei Gemälde von galicischen Getreidespeichern. Sie sind Symbol für die Absicherung der Existenzgrundlage – die Grundlebensmittel– und somit der „gemeinsame Nenner“ der Ortsansässigen, die mit ihren Geschäften ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Die Gemälde wurden in 24 Geschäften und Restaurants zwischen Marienplatz und Erwin-Schöttle-Platz mit den unterschiedlichsten kulturellen Umfeldern konfrontiert und fotografiert.
Mit unserer Dokumentation zeigen wir, wie die Bilder ihre Umgebung beeinflussen und wie die Umgebung die Bilder beeinflusst.

 

 

im Kontext fotografierte Malerei Hórreos Kreide/Graphit auf Leinwand Fotografie Petra Hagelauer



Jeder Engel ist schrecklich...

Artikel aus "Spiel und Theater"

56. Jahrgang | Heft 173
April 2004